| Das Boar's Head Inn Erzählungen, Poesie, Abhandlungen |
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18.03.2008, 23:33
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Erinnerungen...
So nach langem überlegen, ob ich das hier reinstellen soll, mach ich es einfach mal...
Meine Geschichte beginnt an einem kalten, stürmischen Wintertag. Während sich in einem Land, weit entfernt vom Wyrmland, die Bauern und anderen Bewohner in ihre Häuser zurückgezogen haben, um sich an den Kaminen zu wärmen, vereinzelt Kinder draußen im Schnee spielen und Schneeflocken langsam gen Erdreich fallen, sind die Bediensteten in der Burg des Herzogs in Aufruhr. Den ganzen Tag schon ist das so; es wird von einem Zimmer zum anderen gelaufen - nach Arbeit gesucht, denn an diesem Wintertag sollte ich, das Kind des Herzogs, das Licht der Welt erblicken.
Ich kann selbst heute nicht genau sagen, wie es dazu kam, dazu, dass ich entstanden bin; ich, das Kind einer Elfe und eines Dunkelelfen. War es aus Liebe? Oder auch nicht? Ich weiß nicht, ob meine Eltern sich geliebt haben, bevor ich auf die Welt kam, geboren wurde, ob sie sich überhaupt je geliebt haben. Denn als ich alt genug war, mir solche Fragen zu stellen, war ich schon längst fort, in einem anderen Land, doch dies, erwähne ich an anderer Stelle...
Als der Tag langsam in den Abend überging, in der Dämmerung, war es dann endlich so weit. Aus einem der Zimmer im Westturm war das aufgeregte Murmeln, welches vorher zu hören war, verstummt. Da, wo vorher ständig jemand der Angestellten den Raum verlassen und dann wieder betreten hatte, kam nun niemand mehr heraus. Auf dem langen Gang vor dem Raum herrschte absolute Stille. Niemand war zu sehen... nun ja, fast niemand. In einer dunklen Ecke, die das Licht der Fackeln, die ansonsten den Gang erleuchteten, nicht mehr erreichte, stand jemand. Nur eine Silhouette war zu erkennen, doch diese genügte, um auszumachen, um wen es sich da handelte. Zweifelsfrei war es die Silhouette eines Mannes – breitschultrig, groß – mit langem, silbrigem Haar, welches die spitzen, elfischen Ohren verdeckte… es war der Herzog selbst, der dort in der Ecke stand und wartete.
Schreie durchbrachen schließlich die Stille, die in diesem Teil der Burg herrschte. Nach den schmerzerfüllten Schreien einer Frau ertönte schließlich das Schreien eines Babys...
Ich war geboren – ein kleines, hellhäutiges Elfenbaby mit vereinzelten dunkelbraunen Haaren und grünen Augen.
Wenige Minuten nachdem Stille eingekehrt war, trat eine recht kleine und füllige Dunkelelfe, ein kleines Bündel in den Armen haltend aus einem der Zimmer und schaute sich im Gang suchend um. Noch während sie sich umsieht tritt der Herzog aus der dunklen Ecke heraus in das Licht einer der vielen Fackeln. Ein erfreutes Lächeln legt sich auf die Lippen der Dunkelelfe. „Herr, euer Kind, eure Tochter. Hier“ Mit wenigen raschen Schritten war sie bei dem Herzog angelangt und hielt ihm das kleine Bündel entgegen. Er nahm das in Tücher eingewickelte Baby in seine Arme und musterte es. Die Minuten verstrichen…
Ich hatte zwar rein äußerlich so gut wie nichts mit ihm gemein - ich hatte die helle Haut meiner Mutter, nicht die dunkle, die für Dunkelelfen übliche, die grünen Augen meiner Mutter anstatt die Rabenschwarzen meines Vaters und auch meine Haare hatten ein dunkles Braun anstatt Silber – doch schon damals, nach nur wenigen Augenblicken hatte er mich in sein Herz geschlossen, sein erstes Kind, seine Tochter...
Mein Leben fing also ganz normal, wie auch immer man „normal“ definieren mag, an. Meine Eltern liebten mich, ich war bis dahin noch ihr größter Stolz und ein kleiner Sonnenschein obendrein.
Dies wurde deutlicher, je älter ich wurde. Ich mit meiner unschuldigen, kindlich naiven Art.
Soweit ich mich erinnern kann, war ich auch bei allen Angestellten der Burg ziemlich gerne gesehen, denn wo immer ich auftauchte brachte ich Freude mit meiner Fröhlichkeit, und als ich noch nicht richtig sprechen konnte mit meinem Gebrabbel und auch mit meiner manchmal doch recht tollpatschigen Art.
Bis zu meinem vierten oder fünften Lebensjahr – ich kann mich nicht genau erinnern – war eigentlich alles gut; selbst meine Eltern untereinander verstanden sich doch ganz gut, bis auf kleinere Sticheleien von meinem Vater gegen meine Mutter. Ja bis zu jenem verhängnisvollem, stürmischen Tag im Herbst, als mein Vater von einer Reise heimkam und verkündete, er würde Heiraten. Eine bürgerliche, die er meiner Meinung nach doch schon länger kannte denn die beiden wirkten ziemlich vertraut, als er sie auch gleich mit in die Burg brachte.
Als ich sie das erste mal sah, mit vier oder fünf Jahren, fand ich sie auf Anhieb ziemlich hübsch und nett schien sie auch zu sein, so wie sie mit meinem Vater und den Angestellten der Burg umging und auch sprach.
Als ich ihr das erste mal dann wirklich begegnete, – als sie ankam hatte ich sie nur aus der Entfernung gesehen – es war in irgendeinem der unzähligen, kleineren Gänge, die von einem Turm zum anderen führten, war sie auch sehr freundlich zu mir. Ich lief, mit einem Ball spielend durch den Gang, als ich ihr oder auch sie mir – man kann es sehen, wie man will – begegnete. Sie beugte sich zu mir herunter und unterhielt sich ein wenig mit mir, ehe sie weiter ihres Weges ging.
Erst später, wahrscheinlich weil sie erfuhr, dass ich die Tochter des Mannes war, den sie gedachte zu heiraten, schlug die Freundlichkeit in eine Art Feindseligkeit um, denn ich war der einzige Grund, der meinen Vater davon abhielt, meine Mutter aus dem Schloss zu verjagen, denn ich verband die beiden miteinander. Trotzdem heiratete sie meinen Vater.
Nach der Hochzeit veränderte sich einiges für mich: Mein Vater verbrachte zwar immer noch so viel Zeit wie möglich mit mir, jedoch musste ich seine freie Zeit nun auch mit seiner neuen Frau teilen, was mir gar nicht passte. Sie war es auch, die meiner Mutter das Leben in der Burg zur Hölle machte. Wann immer es ging, schikanierte sie meine Mutter, stichelte und machte keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen meine Mutter.
Ich selbst war damals noch viel jung, um zu verstehen, wie verletzend und teilweise auch demütigend das für meine Mutter gewesen sein musste, da die Frau meines Vaters dann auch irgendwann anfing zu behaupten, meine Mutter wäre eine schlechte Mutter und sie wäre nicht Fähig, ein Kind zu erziehen; bei letzterem muss ich sagen, dass ich selber nicht ganz unschuldig daran war, denn sobald ich merkte, wie sehr sie meiner Mutter teilweise zusetzte, fing ich an, wann immer sich die Gelegenheit bot, so gemein wie möglich zu ihr zu sein und patzig ihr gegenüber zu werden.
Je älter ich dann wurde desto schlimmer wurde das Verhältnis meiner Eltern zueinander – auch wenn es, soweit ich weiß, nie wirklich gut war und durch die neue Frau meines Vaters nur noch schlechter wurde – da die Frau meines Vaters, ihm gegenüber meine Mutter immer wieder schlecht machte.
Als dann auch noch ein weiteres Kind auf dem weg war, veränderte sich auch allmählich die Beziehung zwischen meinem Vater und mir. Er verbrachte kaum noch Zeit mit mir und schimpfte mich ständig aus, ich solle doch nicht so unfreundlich seiner Frau gegenüber sein, schließlich habe sie mir nichts getan...
Das ich das alles tat, um ihr heimzuzahlen, was sie meiner Mutter antat, sagte ich nicht; es hätte ihn einfach nicht interessiert, seine Frau und sein ungeborenes Kind waren ihm nun wichtiger...
Sobald das Kind meines Vaters und seiner Frau geboren war, – ich hatte einen Bruder bekommen - schien ich völlig vergessen, ich als sein zwar erstes, aber uneheliches Kind stand nur noch an zweiter Stelle. An erster Stelle standen – wie könnte es auch anders sein – seine Frau und sein Kind. Umso mehr zu dieser Zeit, versuchte ich seine Aufmerksamkeit zu bekommen, sei es, in dem ich versuchte mich so oft wie nur möglich in seiner Nähe aufzuhalten (aber dennoch meistens nicht beachtet oder weggeschickt wurde) oder später dann indem ich aufsässig wurde. Hat man mir etwas gesagt, habe ich es einfach nicht getan, habe Widerworte gegeben und wurde frech. Doch auch dies erzielte nicht das, was ich beabsichtigte, denn ich wurde daraufhin nur ausgeschimpft und mein Vater distanzierte sich mehr und mehr von mir.
Oftmals schrie er mich auch einfach an, ich solle ihn gefälligst in ruhe lassen, er kümmere sich um sein Kind und habe gerade keine Zeit für mich. Ich solle doch spielen gehen. „Gerade keine Zeit“ ist meiner Meinung nach etwas Untertrieben gewesen... und „spielen gehen“, wie er es immer sagte, wollte ich auch nicht. Was sollte ich denn machen? Alleine?
In der Zeit habe ich angefangen ihn mehr und mehr zu hassen, dafür, dass ich ihm nun egal zu sein schien. Und ich sehnte mich nach jemandem in meinem Alter, einem Spielkameraden. Da es aber in der Burg niemanden gab und mir verboten wurde, diese zu verlassen – aus welchen Gründen auch immer – fing ich also an hinaus, in den Garten zu gehen. Dieser war gut geschützt, durch hohe Burgmauern, die ihn umgaben und es gab nur eine einzige, recht kleine aber schwere Holztür, die in ihn hineinführte.
Dort saß ich oft Stundenlang auf einer der vielen Bänke die an den kieselsteinbedeckten Pfaden standen, welche kreuz und quer durch den Garten führten, auf der Wiese oder auch einfach inmitten der vielen Blumen, die im Gras blühten. Der Garten war von nun an der Ort an dem ich mich zurückzog, in meine eigene, kleine, intakte Phantasiewelt, in der alles gut und schön war und ich nicht an meinen Vater, seine Frau und den kleinen Sohn und die ganzen Schikanen, die meine Mutter ertragen musste, dachte.
Niemand betrat den Garten, mit Ausnahme des Gärtners, außer mir und so konnte ich dort ungestört zeichnen, nachdenken und die ruhe genießen, die man in der Burg nicht hatte. Dabei könnte man dann dem Rauschen des Meeres zuhören, welches ganz in der Nähe des Schlosses war. Um das Meer zu sehen, musste an zu den Klippen gehen, wie es meine Mutter oft tat, die ganz nah bei der Burg waren. Sie waren steil und führten schnurgerade hinunter in das wilde, tosende Meer.
Noch heute finde ich, dass dies, dieser Garten der schönste Ort in der sonst eher grauen, kalten und schmucklosen Burg war.
Manchmal kam meine Mutter mich dort „besuchen“ wenn ich wieder den ganzen Tag nicht auffindbar war und dann schaute sie mir zu, wie ich malte, unterhielt sich mit mir, oder legte sich mit zum mir ins Gras, um dem Wind und dem Meer zu lauschen und das alltägliche Leben für kurze Zeit einfach zu vergessen.
Schon damals war sie oft unglücklich, das merkte ich. Es kam selten vor, dass sie lächelte, was sie, als ich noch ein Kleinkind war, sehr oft tat, weil sie eben eine fröhliche und lebenslustige Frau war. Und manchmal, wenn ich des Abends wieder zurück in die Burg kam, um mich schlafen zu legen und dann an ihrem Zimmer vorbeiging, hörte ich sie leise weinen. Aus der einst so fröhlichen, lebenslustigen Elfe, war eine traurige, unglückliche Frau geworden.
Da waren wir nun schon zwei. Beide unglücklich, an diesem Ort und doch konnten wir nicht gehen, denn auch, wenn er sich anscheinend nicht mehr für mich, und schon gar nicht für meine Mutter interessierte, war ich doch immer noch seine Tochter, sein Fleisch und Blut. Er würde mich nicht gehen lassen...
Jene Tage waren noch verhältnismäßig gute, schöne Tage, am schönsten, wenn ich mit meiner Mutter zusammen war, die mich doch trotz ihrer eigenen Betrübtheit, immer wieder zum lachen bringen und aufheitern konnte. Wenn ich heute daran denke, dass sich dies bald alles ändern würde, nichts mehr würde so sein, wie es war, auch wenn es nicht unbedingt schön war, das Leben in der Burg, so waren das diese Tag die letzten wirklich „schönen“ Tage, die ich dort erlebte.
Es passierte nun immer häufiger, dass ich, wenn ich abends, noch alleine in meinem Zimmer vor dem Fenster saß, meine Mutter sah, wie sie an den Klippen entlang spazierte und hinunter zum Meer schaute. Dies alleine, war ja nicht schlimm, aber es beunruhigte mich, dass es immer öfter vorkam, wenn sie wieder einmal Streit hatte und niedergemacht, schikaniert wurde und, dass sie, so kam es mir jedenfalls vor, immer dichter an den Rand der Klippen hin ging.
Ich verstand einfach nicht warum, konnte mir einfach nicht vorstellen, was das sollte, wahrscheinlich hatte ich damals ein Brett vor dem Kopf, habe einfach das offensichtliche nicht gesehen, oder ich wollte es nicht wahrhaben...
Zu dieser Zeit kam es auch häufig vor, dass mein kleiner Stiefbruder ständig an meinem Rockzipfel hing, mit mir spielen wollte, was ich ebenso, wie seine Mutter nicht gut hieß. An für sich hatte der kleine mir nichts getan aber war der Grund, weshalb mein Vater mich im Stich gelassen hatte, weshalb ich ihm nun egal war. Also wollte ich auch so wenig wie möglich mit dem kleinen zu tun haben.
Um ihm aus dem weg zu gehen, streifte ich durch die Burg, auf der Suche nach einigen ungestörten Orten, da er es immer wieder schaffte einen der Angestellten zu überreden, ihm die Tür zum Garten zu öffnen und ich dort so keine Ruhe mehr hatte.
So ging das über Tage, bis zu jenem unheilvollem, schrecklichem Tag, an dem ich verloren hatte, was ich am meisten liebte und den ich nie mehr vergessen würde...
Die ersten Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonne schienen mir direkt ins Gesicht und ich würde wach. Noch verschlafen murrte ich leise und blinzelte ganz kurz, ehe ich meine Augen wieder schloss. Zu hell, entschied ich und drehte mich sogleich auf die andere Seite, um noch ein wenig träumen zu können, ehe ich mich fertig machen würde, um dann zum Frühstück zu erscheinen.
So lag ich dann da still in meinem Bett und überlegte, was ich den Tag über machen sollte.
Am vorigen Tag hatte ich angefangen eine der Blumen des Gartens zu zeichnen, welche ich besonders hübsch fand. Damit könnte ich weitermachen, überlegter ich, da die Zeichnung noch nicht ganz beendet gewesen war.
Als ich mich dann Minuten später endlich aufraffen konnte, aufzustehen, klopfte es auch schon an der Tür und ein „Das Frühstück ist fertig.“ wurde mir von einer Angestellten zugerufen, ehe sie wieder ging, ohne, dass ich sie gesehen habe. Langsam stand ich auf, ging zu meinem Kleiderschrank, griff mir eines der Kleider und war es auf mein Bett. Dann schälte ich mich aus meinem Nachthemd und zog mir das zuvor heraus gesuchte Kleid an. Es war ein dunkelblaues, eng anliegendes, Kleid mit dünnen Trägern, welches mein Lieblingskleid war.
Schnell kämmte ich mir die Haare mit meinem Holzkamm und ging dann hinunter, in den Speisesaal, um dort mit den anderen zu frühstücken. Die anderen waren alle schon da - meine Mutter, mein Vater, seine Frau und sein Sohn – und wie immer wurde still gegessen, keiner sagte etwas, was sicher auch immer das Beste war. So konnte wenigstens niemand den anderen schikanieren oder anprangern und es gab keinen Streit, was ich für meinen Teil immer sehr begrüßte.
Nach dem wortlosen Frühstück ging ich sogleich in den Garten, um dort diese Blume, die ich zeichnete, zu betrachten. Ich kniete mich also ins Gras, betrachtete stumm die Blume und versuchte mir jedes Detail zu merken. Die Blütenform, die Form der Blätter... bis ich schließlich das knarrende Geräusch der Tür zum Garten hörte. Sie fiel wieder ins Schloss und ich verdrehte genervt die Augen, als ich meinen kleinen Stiefbruder auf mich zukommen sah. Der hatte mir natürlich noch gefehlt.
Die Arme ausgebreitet lief er auf mich zu, lachend und über das ganze Gesicht strahlend und rief schon von weitem freudig meinen Namen. Mir war gleich klar, dass er wieder mit mir spielen wollte, schließlich hatte er keine Spielkameraden, die in seinem alter waren, genau wie ich, als ich noch so klein war – zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar auch keine (wie auch? In der Burg gab es nur Erwachsene) aber ich konnte mich auch gut selbst beschäftigen.
Als er dann schließlich bei mir angekommen war schlang er seine kleinen Arme so gut es eben ging um mich. „Spielen.“, war das einzige Wort was aus seinem Mund kam und ich schüttelte gleich darauf den Kopf, schob ihn mit sanfter Gewalt von mir weg, stand auf und verließ den Garten schleunigst.
Kurz bevor die Gartentür ins schloss fiel, hörte ich, wie er anfing zu weinen, doch ich ging nicht zurück, um ihn noch zu trösten auch, obwohl er mir Leid tat. Das mag zwar herzlos klingen aber ich brachte es einfach nicht über mich. Ich konnte nicht in seiner Nähe sein ohne den Schmerz zu spüren, dass mein Vater ihn anscheinend mehr liebte und ihn mir vor zog.
Mit schnellen, eiligen Schritten ging ich die Gänge hinauf und dann schließlich die steinernen Stufen hinauf, zu meinem Zimmer. Dort wollte ich an meiner Zeichnung weiterarbeiten. In aller Ruhe und sie dann meiner Mutter zeigen, so wie ich es immer tat, wenn ich etwas fertig gezeichnet hatte.
Ich betrat also mein Zimmer und fand auf dem Boden auch gleich, was ich suchte: die Zeichnung. Draußen fing es derweil an zu regnen, was mich aber nicht großartig störe, denn ich befand mich ja im Trockenen. Schnell wurden einige Stift unter dem Bett hervorgeholt und vom Boden aufgesammelt und schon setzte ich mich vor das Fenster an den Tisch und fing an, weiter zu zeichnen. Mit größter Sorgfalt wurden von mir Stängel, Blätter und Blüten gezeichnet, bis ich schließlich fertig war und die Zeichnung nachdenklich betrachtete. Sie sah schön aus, fand ich, ganz in Ordnung. Ich erklärte die Zeichnung also für gut und beendet und lief mit ihr in der Hand aus dem Zimmer, um sie meiner Mutter zu zeigen und zu schenken.
Auf dem Weg durch die schmucklosen Gänge der Burg begegnete mir niemand und so kam ich rasch zu dem Zimmer meiner Mutter. Vorsichtig klopfte ich an und wartete auf eine Antwort. Die erhoffte Antwort kam nicht, also beschloss ich, einfach mal herein zuschauen, vielleicht war sie ja doch da, und schlief bloß.
Leise öffnete ich die Tür doch niemand befand sich in dem großen Zimmer, also ging ich auch wieder um weiter nach ihr zu suchen. Weder in der Küche, noch in den Wohnräumen oder dem Garten – in dem ich sie nicht wirklich vermutete, da es mittlerweile ziemlich stark regnete, ich aber wenigstens nach schauen wollte – fand ich sie und dies kam mir doch schon recht merkwürdig vor. Wo sollte sie sich denn sonst aufhalten bei diesem Wetter?
Wie dem auch sei, ich gab die Suche auf, denn sie würde sicher wieder auftauchen – vielleicht hatte ich ja einfach nicht gründlich genug gesucht, irgendeinen Ort übersehen...
Schnellen Schrittes huschte ich wieder in mein Zimmer, um bloß meinem kleinen Stiefbruder nicht über den Weg zu laufen. Ich legte die Zeichnung auf den Tisch, warf einen kurzen blick aus dem Fenster und wollte mich gerade von diesem wieder abwenden um mich auf das Bett zu legen, als ich etwas merkwürdiges entdeckte.
Eine Person stand draußen im Regen – weshalb ich auch nicht ausmachen konnte, wer es war – und ging geradewegs auf die Klippen zu. Ich legte den Kopf schief und schaute angestrengt heraus, denn, neugierig wie ich nun mal war, wollte ich wissen, wer dort draußen, bei diesem schrecklichen Wetter herum lief und was er oder sie dort machte.
Ich beobachtet die Person noch einige Augenblicke – sie stand ziemlich dicht am Rand der Klippen – und lief dann aus meinem Zimmer. Es fiel mir wie schuppen von den Augen, die braunen welligen Haare, die helle Haut, das konnte nur meine Mutter sein. Noch war mir nicht klar, was sie tat, vorhatte, ich wollte sie nur von da wegholen.
Ohne auf die Bediensteten oder irgendjemand anderen zu achten, hastete ich durch die vielen Gänge der Burg, bis ich schließlich völlig außer Atmen vor dem hölzernen Burgtor ankam, welches ich immer nur in Begleitung meines Vaters durchschreiten durfte, und dann auch immer in der Nähe der Burg bleiben musste. Als ich beim Tor ankam, stand es offen; warum das so war, kann ich bis heute nicht sagen, denn sonst ist es das nie gewesen. Ohne mir darüber den Kopf zu zerbrechen, lief ich hinaus in den strömenden Regen und war schon noch einigen Schritten fast völlig durchnässt. Wenige Schritte von der Person bei den Klippen – meiner Mutter - entfernt blieb ich dann stehen.
Ich wollte etwas sagen, die Hand nach ihr ausstrecken, doch da war es schon zu spät. Noch bevor ich etwas sagen konnte, tat sie den letzten Schritt, unmöglich sich danach noch anders zu entscheiden, es rückgängig zu machen. Ich streckte meine Hand nach ihr aus, wohl wissend, dass es zu spät war, dass ich sie niemals wieder sehnen würde.
Für einen Moment schien mein Herz stehen zu bleiben, dir Welt hörte auf sich zu drehen, meine eigene Welt zerfiel, innerhalb von nur einem einzigen Moment in sich zusammen, wie ein Kartenhaus. Ich war wie gelähmt. Starr vor Schreck erwartete ich das Geräusch des aufprallenden Körpers meiner Mutter auf das tosende Meer, doch der Regen verhinderte, dass ich etwas hören konnte. Mittlerweile war ich nass bis auf die Knochen und sank auf die Knie. Mein Blick war immer noch starr auf die Klippe gerichtet, ich konnte es einfach nicht glauben.
Wie konnte sie mir das nur antun? Wie konnte sie mich hier alleine zurücklassen und fliehen? Fliehen aus dieser doch so grausamen Welt. Einfach so, ohne mich.
Ich fühlte mich so einsam, wie noch nie zuvor in meinem Leben und in mir regte sich der Wunsch, es meiner Mutter gleichzutun. Ihr zu folgen, in eine andere, eine bessere Welt und das alles hinter mir lassen, was mir doch nur Leid gebracht hat. Doch ich war unfähig, mich auch nur in irgendeiner Weise zu bewegen, geschweige denn aufzustehen.
Da ich nun alleine war, es niemanden mehr gab, den ich wirklich von ganzem Herzen liebte, regte sich noch ein anderes Gefühl in mir. Hass. Hass auf diejenigen – vor allem mein Vater und seine Frau – die in meinen Augen die Schuldigen waren. Schuld daran, dass meine Mutter nun tot war und ich völlig allein.
Ich atmete tief durch und schloss einen Moment meine Augen, die Tränen liefen über mein Gesicht und vermischten sich mit dem Regen. Vor meinem inneren Auge schien sich alles noch einmal abzuspielen, der Fall, dass ich zu langsam gewesen war. Ich schlang die Arme um meinen Körper, als ob ich mich vor der Kälte schützen wollte doch ich versuchte nur, mein Herz daran zu hindern, in tausende kleine Teile zu zerspringen. Ich fing an zu schluchzen und kurz darauf folgte ein Schrei. Ich schrie, und in dem Schrei lagen all die Wut und all die Trauer, die ich empfand.
Einige Augenblicke später spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, jemand sagte meinen Namen, doch ich hörte es kaum, alles schien weit entfernt von mir. Ein Mann ging vor mir in die Hocke, seine Hände lagen auf meinen Schultern, er sagte meinen Namen. Immer und immer wieder doch ich reagierte nicht. Dann fing er schließlich an, mich zu schütteln, doch weder auf die Worte, noch auf das Schütteln zeigte ich eine Reaktion. Es war mir einfach alles egal, der Schmerz saß zu tief, schließlich hatte ich vor nur wenigen Augenblicken die wichtigste Person in meinem Leben verloren... für immer...
Es kamen mehr Personen, durch den Tränenschleier hindurch konnte ich nicht genau erkennen, wer alles in meiner Nähe stand. Es waren mehrere mindestens 5 und sie schienen miteinander zu reden, doch aus dies schien weit von mir entfernt zu sein, kein Wort klares Wort drang zu mir durch. Der Jemand vor mir stand mit einem Male auf und plötzlich wurde ich hochgehoben. Schlaff hing ich in seinen Armen, während er mit schnellen Schritten zurück Richtung Burg ging, dicht gefolgt von den anderen.
Ich wollte nicht mit, wollte protestieren, mich darüber aufregen, dass man mich ohne meine Einwilligung mit in die Burg nahm, doch mein Mund war wie versteinert, ich bekam kein Wort heraus und in meinem Inneren war nichts mehr, das sich hätte aufregen können. So musste ich es hinnehmen, dass man mich in die Burg und hinauf in mein Zimmer trug. Ich wurde auf mein Bett gelegt und wenige Augenblicke später, hielt man mir ein Glas an die Lippen. Ich trank wenige Schlücke von etwas süßlich schmeckenden. Meine Augen begannen schwerer zu werden und kurze Zeit später versank ich in tiefer Dunkelheit….
Geändert von Shariel (20.03.2008 um 21:18 Uhr).
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19.03.2008, 11:51
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schön, traurig, und ich wüsste wirklich gerne wie es weiter geht....
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Wenn ich sterbe, begrabt mich bitte mit dem Bauch nach unten, damit mich jeder noch mal so richtig am A**** lecken kann!!! In diesem Sinne Adriane
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19.03.2008, 12:49
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Heraldiker
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Sehr schön geschrieben, vorallem die Erzählperspektive gefällt mir. Ich will mehr....
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19.03.2008, 14:09
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Neuer Benutzer
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So dann gehts jetzt mal ein kleines Stückchen weiter
Als ich die Augen wieder aufschlug, war es hell, die Sonne schien durch das Fenster in mein Zimmer. Ich drehte mich zur Seite, sodass ich die dunklen, kalten Steinwände ansehen konnte und rollte mich auf dem Bett zusammen. Das Taube Gefühl des gestrigen Tages breitete sich wieder in mir aus und bewahrte mich vor den Erinnerungen, vor dem, was ich einfach nicht verstehen wollte.
Völlig in mich gekehrt und glücklich über dieses Taube Gefühl, welches mich vor dem Schmerz der Erinnerung bewahrte, schlag ich die Arme um meine Beine. Ich war froh, dass niemand da war, um meine Ruhe zu stören, mich dem Gefühl der Taubheit zu entreißen und mich zu zwingen zu verstehen, was geschehen war. So lag ich da, ohne jegliches Zeitgefühl und starrte die kalten Steinwände an… Sekunden… Minuten… Stunden…
Irgendwann wurde die Tür dennoch geöffnet, jemand trat ein. Es interessierte mich nicht, wer es war und was er oder sie wollte. Ich wollte nichts mehr, als alleine gelassen zu werden. „Bist du wach?“ fragte die Person, die ich als meinen Vater erkannte. Ich verstand nicht, warum gerade er sich hier blicken ließ, wo ich ihm doch so lange schon völlig egal gewesen war. Außerdem war noch immer derjenige für mich, den die größte Schuld an meinem Leid traf.
Ich antwortete nicht, doch es schien ihn nicht davon abzuhalten sich selbst davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich wach war. „Das, was passiert ist, das tut mir unendlich Leid…“, sagte er leise, „ … aber was geschehen ist, ist geschehen. Niemand kann es rückgängig machen. Sie ist tot und…“ Das war zu viel, dass er jetzt auch noch so tat, als täte es ihm Leid und versuchte mir begreiflich zu machen, was ich doch nicht verstehen wollte. „Sie ist nicht tot, das kann nicht sein… niemals“, schluchzte ich los und die Tränen, die mir sogleich in die Augen stiegen konnte ich nicht zurückhalten. „Verschwinde hier! Lass mich einfach in Ruhe... Geh weg, und lass dich nie wieder blicken!!!“
Mittlerweile hatte ich mich aufgesetzt und starrte meinen Vater mit einem hasserfüllten Blick an. Er hob seine Hand und wollte sie auf meine Schulter legen, doch ich rutschte weg von ihm, näher an die Wand. Er zog seine Hand zurück, anscheinend über die Zurückweisung verletzt, doch er gab nicht auf. Seine Hand näherte sich mir vorsichtig und er redete leise mit mir „Aber meine Kleine, du... du musst dich mit dem Geschehenen abfinden. Du kannst nicht jedem die Schuld daran geben…“ Er war noch nicht fertig, doch ich unterbrach ihn „Ich gebe nicht jedem die Schuld dran. Ich gebe sie hauptsächlich dir! Und jetzt verschwinde und lass mich in ruhe!“
Die gewünschte Reaktion trat ein; er stand auf und ging aus dem Zimmer, ohne ein weiteres Wort überließ er mich wieder mir selbst. Nur mit einem Blick voller Verletztheit und Mitleid schaute er mich an, bevor er die Tür schloss und ging. Die nächsten Tage sollte ich ihn dann auch nicht mehr zu Gesicht bekommen.
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19.03.2008, 14:17
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Heraldiker
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*hechel* Mehr, bitte ich will M-E-H-R.....
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19.03.2008, 14:20
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Neuer Benutzer
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Es freut mich ja, dass du mehr willst aber die nächsten Tage musst du ein wenig Geduld haben, bevor ich wieder Zeit zum weiterschreiben habe 
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19.03.2008, 15:04
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#7 (Permalink)
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Heraldiker
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Was solls, da bin ich eh nicht da
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19.03.2008, 22:53
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#8 (Permalink)
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ich dafür aber schon, und ich freue mich darauf zu erfahren wie es denn weiter geht....
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Wenn ich sterbe, begrabt mich bitte mit dem Bauch nach unten, damit mich jeder noch mal so richtig am A**** lecken kann!!! In diesem Sinne Adriane
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19.03.2008, 23:36
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#9 (Permalink)
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Neuer Benutzer
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So und hier doch noch ein kleines Stückchen. Demnächst gibts sicher wieder was längeres
Die nächsten Tage verliefen alle in einem monotonen Rhythmus. Ich wachte auch, starrte stundenlang die Wand an oder lief ruhelos in meinem Zimmer hin und her. Noch immer hielt das Gefühl der Taubheit an und bewahrte mich weiter vor dem Schmerz des Verlustes; davor zu verstehen, dass ich meine Mutter nie wieder sehen würde.
Seitdem ich meinen Vater auch aus meinem Zimmer geschmissen hatte, kam auch sonst niemand zu mir herein. Alle ließen mich alleine mit meinen Gedanken und das war auch gut so. Ich wollte niemanden sehen, es gab auch einfach niemanden mehr, den ich überhaupt hätte sehen wollen. Etwas zu Essen stellte man mir nur vor die Tür, ging dann wieder und kehrte zu einer späten Stunde zurück, um die Reste wieder mitzunehmen. Da ich jeglichen Appetit verloren zu haben schien, rührte ich jedoch das essen oftmals gar nicht an. Niemanden schien es zu stören, denn niemand sagte etwas dazu…
Nach und nach wurde das Gefühl der Taubheit schwächer, der Schmerz über den Verlust kam und ging. Es gab Zeiten, da überschwemmte er mich, wie eine riesige Flutwelle eine Küste oder ein Ufer überschwemmt und alles mit sich reißt, was sie mitreißen kann. So brach der Schmerz von Zeit zu Zeit über mich herein und riss mich mit sich. Riss mich in einen Zustand völliger Einsamkeit, Leere und Schmerz. Dann lag ich auf meinem Bett oder saß auf dem Boden und weinte. Weinte, bis ich keine Tränen mehr übrig hatte, die noch vergossen werden konnten, weinte, bis ich irgendwann einschlief und auch in den Träumen von den schmerzlichen Erinnerungen gepeinigt wurde.
Als dann das Gefühl völliger Taubheit gänzlich verschwunden war, es mich im stich gelassen hatte, wie meine Mutter, - nur mit dem Unterschied, dass meine Mutter mich auf dieser grausamen Welt zurückgelassen hat und das verschwundene Taubheitsgefühl mich dem Schmerz auslieferte – und der Schmerz sich in mir ausbreitete wollte ich mehr, als nur alleine sein…
Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre, diese Welt zu verlassen, so, wie es meine Mutter getan hatte. Es ihr einfach gleichzutun. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf. Würde es sehr wehtun, wenn mein Körper nach dem Sturz aufprallen würde? Wo würde ich dann sein? Im Nichts, wäre es so, als hätte es mich nie gegeben? Oder würde ich irgendwo bei meiner Mutter sein? Und die wichtigste Frage von allen: Würde man mich überhaupt vermissen, wenn ich tot wäre, gäbe es überhaupt jemanden, der mich wirklich vermissen würde, so, wie ich meine Mutter vermisste?
So schnell und plötzlich, wie mir solche Fragen in den Sinn kamen desto schnell verschwanden sie auch wieder. Auch, wenn ich mir wirklich einige Male wirklich vornahm, die Tür zu öffnen, mich leise aus der Burg zu schleichen, bis an den Rand der Klippe zu gehen und dann den letzten Schritt zu machen, entweder in eine neue bessere Welt hinein oder ins alles verschlingende Nichts. Doch immer, wenn ich die Hand schon an dem kalten Metall der Türklinke hatte, um mich aus der Burg zu schleichen, ließ ich diese Gedanken wieder fallen.
Ich hatte Angst, vor so einem endgültigen Schritt, so etwas unwiderruflichem, also verdrängte ich diese Gedanken immer wieder, sobald sie kamen…
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26.03.2008, 22:09
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#10 (Permalink)
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Die Zeit verging… mal schnell, wie ein reißender Strom mal so langsam, wie zähflüssiger Honig und der Schmerz war nun zu einem ständigen Begleiter geworden. Die nächsten Tage und Wochen verbrachte ich einsam in meinem Zimmer und tat nichts, außer wie eine Blume, die nicht regelmäßig gegossen wird, zu verkümmern. Niemand ließ sich mehr bei mir blicken oder schaute wenigstens kurz in mein Zimmer hinein, um zu sehen, wie es mir ging. Seitdem ich die wichtigste Person in meinem Leben verloren hatte, war ich nun so alleine, wie noch nie zuvor.
Der Schmerz ließ auch nicht nach, und auch, wenn erst kurze Zeit vergangen war, fühlte ich mich noch innerlich leer, nicht fähig, mein Zimmer zu verlassen, um mich der grausamen Welt außerhalb meines Zimmers zu stellen. Es bestand die Gefahr, mich dem Stellen zu müssen, was ich nun nach und nach, wenn auch widerstrebend, zu begreifen begann. Mich damit wirklich auseinander setzen zu müssen und damit in die Wunde, die der Verlust mir zugefügt hatte, Salz zu streuen, den Schmerz und die Qual zu vergrößern.
Das Wetter schien sich auch meiner Stimmung und meinem Gemütszustand angepasst zu haben. Draußen regnete es seit Tagen unaufhörlich, als wollte auch der Himmel diesen tragischen Verlust meiner Mutter ebenfalls beklagen. So saß ich nun des Öfteren in der Nähe des Fensters, starrte hinaus, durch die kleine Glasscheibe, gegen die der Regen prasselte und weinte zusammen mit dem Himmel, wenn ich von einer neuer Woge des Schmerzes heimgesucht wurde.
Das Wetter verbesserte sich mit der Zeit wieder, mein Gemütszustand jedoch nicht. Noch immer verbrachte ich die Tage alleine in meinem Zimmer und fühlte mich allein gelassen von der ganzen Welt. Die Wogen des Schmerzes kamen mittlerweile seltener – es war nun mittlerweile auch schon mindestens ein Monat seit dem Tod meiner Mutter vergangen – doch noch immer saß der Schmerz zu tief, als dass ich mich schon bereit fühlte mein Zimmer, welches für mich zu einem schützenden Kokon geworden war, der keinen weiteren Schmerz herein ließ, zu verlassen und mich dem zu stellen, was mich außerhalb der schützenden Wände erwarten würde.
Eines Nachts - mein Vater hatte den Tag davor mit knapp einem Dutzend seiner Ritter die Burg verlassen und sich aufgemacht zu einem Ziel, dass ich nicht kannte und auch mit einer Aufgabe, die mir nicht bekannt war – wagte ich es schließlich, die Tür mehr als nur einen Spalt breit zu öffnen, wie ich es sonst immer tat, um mir das Essen und Trinken ins Zimmer zu holen, welches man mir vor die Tür gestellt hatte.
Mit einem leisen quietschen öffnete ich die Tür gänzlich und schaute in den dunklen, verlassenen Gang, der sich vor mir erstreckte. Sonst wurde der Gang, der von meinem Zimmer aus einzig zu einer Treppe führte, durch Fackeln erleuchtet, doch es war stockfinster, bis auf das spärliche Mondlicht, das durch mehre kleine Fenster in den Gang hereinschien. Es versetzte mir einen Stich, zu merken, dass ich allen anscheinend schon so egal war, dass man es nicht einmal mehr für nötig hielt den Gang zu meinem Zimmer zu beleuchten.
Ob ich ihnen allen nun egal war oder nicht, ich ging weiter, Schritt für Schritt den Gang entlang. Mein Herz raste und es schien mir, dass es so laut klopfte, dass man es im ganzen Gang hören müsste. So lange hatte ich mein Zimmer nicht mehr verlassen und mich hinter den schützenden Wänden versteckt, dass mir der Gang, alles was außerhalb dieses Zimmers lag, bedrohlich vorkam.
Tatsächlich war der Gang wegen der fehlenden Beleuchtung dunkler, als er es immer gewesen war, dennoch kam er mir bedrohlicher vor und auch meine Schritte schienen lauter auf dem kalten steinernen Boden. Ständig schaute ich zurück zu meinem Zimmer. Die Tür stand weit offen und ich war jederzeit bereit wieder in mein schützendes Reich zu flüchten, sobald mir jemand begegnen sollte.
Schließlich kam ich, nach einigen endlos langen Minuten so schien es mir, bei der Treppe an, die hinunter in den - tagsüber - belebteren Teil der Burg führte. Langsam und mit kleinen, vorsichtigen Schritten, ging ich die steinerne Treppe, die in großen Windungen hinunterführte hinunter. Der Gang, der sich nun vor mir erstreckte war hell erleuchtet. Mit klopfendem Herzen, als ob ich etwas Verbotenes tun würde, schaute ich mich nach rechts und links um, doch niemand war zu sehen. So ging ich weiter durch die vielen Gänge der Burg, immer darauf bedacht, von niemandem gesehen zu werden und kam schließlich kurz vor dem Speisesaal zu stehen.
Obwohl es schon spät war, war der Speisesaal hell erleuchtet und es waren Stimmen zu hören, eine männliche und eine weibliche. Die männliche Stimme war mir unbekannt doch die weibliche Stimme erkannte ich als die der Frau meines Vaters. Sehen konnte ich sie nicht, denn sie befanden sich anscheinend am anderen Ende des Zimmers, weit entfernt von mir.
Anstatt hineinzugehen drückte ich mich neben dem Eingang zum Speisesaal an die kalte Steinmauer und versuchte zu lauschen, der Neugierde wegen, was es denn zu solch später Stunde noch zu bereden gab. Doch ich konnte nichts von dem Gespräch verstehen, meine Neugierde nicht stillen, da sie einfach zu leise sprachen, als dass man es aus solch einer Entfernung noch hätte hören können. Das einzige, was ich hörte, war meine eigener Atmen und noch leise aber immer näher kommende Schritte.
Ich wollte nicht entdeckt werden, keiner sollte wissen, dass ich mein Zimmer verlassen hatte also ging ich, so leise wie nur möglich, wieder zurück, durch die vielen Gänge der Burg, bis ich schließlich wieder bei der Treppen ankam, die hinauf zu meinem Zimmer führte. Bei der Treppe angekommen, wurde ich schneller, ich lief fast die Treppe hinauf, den dunklen Gang entlang und in mein Zimmer hinein. Leise schloss ich die Tür wieder hinter mir; ich fühlte mich wieder in Sicherheit.
Am nächsten Morgen erwachte ich früh, noch bevor die Sonne aufging, da Hufgetrampel von draußen zu hören war. Ich dachte mir nichts dabei denn schließlich konnte dies nur bedeuten, dass mein Vater wieder zurück war und das war ja nichts Schlimmes. Es sollte jedoch sich jedoch noch herausstellen, dass seine, wenn auch ziemlich kurze Reise nichts Gutes für mich bedeuten sollte.
Am späten Nachmittag klopfte es an meine Tür. Ich war überrascht, sehr überrascht, schließlich hatte sich seit Wochen schon niemand mehr bei mir blicken lassen. Noch überraschter war ich dann, als die Tür geöffnet wurde und mein Vater eintrat. Da ich noch immer davon überzeugt war, dass meinen Vater die Schuld an meinem Leid traf, zeigte ich ihm wortwörtlich die kalte Schulter, ich drehte mich zum Fenster, weg von ihm und schaute hinaus.
Was er zu sagen hatte, wollte ich nicht hören, da ich davon überzeugt war, dass er mir sicherlich wieder beteuern würde, wie Leid ihm das alles doch täte und dass ich mich nicht ewig hier verkriechen könne. Ich atmete tief ein und wieder aus, als er anfing, jedoch sagte er nicht dass, was ich erwartete, ja er machte mir nichteinmal vorwürfe, weil ihn bei seinem „Besucht“ so ungerecht behandelt hatte.
„Seit Wochen versteckst du dich nun schon hier oben, meine Kleine. Ich komme nicht, um dir zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann, auch wenn ich doch so denke…“, fing er in einem freundlichen Ton an. Ein Stein fiel mir vom Herzen, ich war erleichtert, dass dieses Streitthema damit beseitigt schien, doch auf das, was darauf folgte, war ich nicht vorbereitet, es traf mich wie ein Schlag. „Wir haben einen Gast in der Burg, den Sohn eines Freundes, eines anderen Herzogs… Shariel, ich, nein wir, meine Frau und ich sind der Meinung, dass dies hier nicht mehr der richtige Ort für dich ist. Du machst uns Vorwürfe, du verkriechst dich hier…“ An dieser Stelle machte er eine kurze Pause, nur wenige Sekunden, doch sie kam mir endlos lang vor. Was würde nun kommen?
„Wir sind der Meinung, dass du wieder eine Aufgabe brauchst, etwas, dass dich von dem Geschehenen ablenkt, einen neuen Sinn.“ Auch bis hierhin war sein Ton noch freundlich doch das änderte sich nun jäh, völlig überraschend. „Du sollst, nein du wirst den Sohn meines Freundes heiraten. Du sollst seine Frau werden…“ Ich drehte mich um und schaute meinen Vater erschrocken an…
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