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Das Boar's Head Inn Erzählungen, Poesie, Abhandlungen

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Alt 06.04.2008, 15:36   #1 (Permalink)
Heraldiker
 
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Standard Ironie in Stein

„Es ist kalt, heute Nacht…“
„Ja…“
„Willst du nicht mit herein kommen? Du kannst doch nicht schon wieder die ganze Zeit hier herum sitzen und ins Dunkel starren…“
„Ich kann…“

Ich weiß nicht, wieso er das tut.
Jeden Abend kommt er hier hinauf und sagt mir, dass es kalt ist. Im Norden ist es immer kalt.
Jeden Abend bittet er mich darum, mit in die warmen Mauern zu kommen. Er weiß, dass ich die Wärme nicht brauche.
Jeden Abend meint er, ich müsse nicht in die Nacht hinaus schauen. Ich weiß selbst, dass es nichts bringt.
Jeden Abend dreht er sich kopfschüttelnd um und geht wieder herunter.

Selbst ich finde es nicht bequem, hier auf dem Turm und es rührt mich wirklich, dass er sich so bemüht, aber er versteht es nicht. Er weiß nicht, was ich gesehen habe, was mich dazu bringt, immer wieder aufs Neue hoffnungsvoll hinaus in die kargen Ebenen zu blicken, welche diese kleine Festung der Menschen umgeben. Dieses kleine Paradies von Zivilisation inmitten vom sturmdurchtosten Nichts der eisigen Steppe. Genauso wenig, wie ich weiß, was ihn und seine Leute hier hält.
Die Wehranlage ist nicht groß, vielleicht wohnen hier dreihundert Menschen, auf keinen Fall viel mehr von ihnen. Jeder ist irgendwie mit jedem verwandt. Im Winter, wenn die Böden so hart gefroren sind wie Fels, kommen hin und wieder ein paar Händler mit Lebensmitteln und frischem Blut, damit diese Siedlung nicht vollkommen von Inzucht heimgesucht wird.
Die Vorräte werden in den eisigen Kellern gelagert und müssen immer für den ganzen Sommer reichen, in dem die Erde sich in Schlamm verwandelt, der jedes Vorankommen unmöglich macht. Ich weiß nicht, womit diese Leute die Händler bezahlen, habe aber fast das Gefühl, dass das so leicht auch nicht zu beantworten wäre.
Kaum jemand kommt freiwillig hier her, in einen der letzten Posten des Reiches. Es gibt hier nichts außer Kälte, Matsch und Ödnis. Und ich glaube genau darin liegt der Preis. Dafür, dass diese Menschen hier ausharren, werden sie immer und immer wieder versorgt. Mir soll es egal sein. Ich benötige keine der Waren, die sie immer wieder rationieren und knapper einteilen und es doch irgendwie immer wieder schaffen, damit auszukommen, bis die nächste Lieferung eintrifft.
Mein Weg hier her ist es jedenfalls, der mich beschäftigt und hier fast schon gefangen hält. Ich bin nicht freiwillig hier. Meine Dienste sind vollkommen an diese Leute verschwendet. Ich bin ein Krieger und hier gibt es keinen Krieg.
Ich bin ein Wächter und hier gibt es nichts, was es zu bewachen lohnen würde, außer einer Grenze.
Dort hinten, bei den Hügeln soll sie entlang laufen.
Ich bin nur hier, weil ich warte. Seit Jahren warte ich darauf, dass über jene Hügel jemand kommt. Niemand hier weiß davon und jeder würde es belächeln. Ihrer Meinung nach gibt es jenseits, nördlich der Hügel nichts mehr, wo jemand herkommen könnte. Sie täuschen sich.
Fast zumindest…

Weit hinter eben jenen Hügeln kann man am Horizont als zackige Linie ein Gebirge erahnen. Die Menschen hier sagen, es wäre das Ende der Welt. Der Rand. Wenn man dort ist und auf die Felsspitzen klettert, so kann man in die Reiche der Götter schauen. Sie täuschen sich nicht einmal all zu sehr.
Ich komme aus diesem Gebirge und was soll ich sein, wenn nicht ein Geschöpf, direkt entsandt von den Göttern?
Ich habe keine Eltern, wie andere Wesen, die ich traf, sie aufweisen.
Ich habe keine Kindheit, kaum ein niederes Verlangen.
Ich bin größer, stärker und widerstandsfähiger, als nahezu alles, was ich bisher angetroffen habe.
Und ich trage diesen seltsamen Fluch auf mir.

An dem Ort meiner Herkunft hat er mich kaum bekümmert. Dort traf er mich zwar lange, aber nicht oft. Dort gab es nur eine lange Nacht oder einen langen Tag.
Hier ist das anders. Hier wechseln Tag und Nacht ständig. Ständig spüre ich, wie meine Glieder steif werden, das Denken erfriert und plötzlich…wache ich einfach wieder auf. Um mich eine dünne Kruste aus Stein, die ich mit nur geringer Kraftanstrengung zersprengen kann, auf dass ich wieder eine Nacht lang frei bin…und damit es beim ersten Strahl der Sonne von neuem beginnen kann.
Ich weiß nicht, wie der Tag aussieht und ich denke, ich werde es nie erfahren.
Sicher habe ich mich oft bei den Leuten um mich herum erkundigt, aber für sie ist dieses Erlebnis so selbstverständlich, dass sie es mir nicht gut genug beschreiben können, als das ich ein Bild davon bekäme.
Daher habe ich beschlossen, es aufzugeben danach zu fragen.
Ich akzeptiere einfach, was ich bin.
Ein lichtes Wesen, umschlossen von Dunkelheit.
Ein Gargoyle.

Was ich hier tue, wenn es mir doch an diesem Ort nicht gefällt? Warum ich nicht wieder zurück kehre in die Gefilde der langen Dunkelheit? Ich kann nicht.
Nicht etwa, weil mir die Fähigkeit dazu fehlen würde. Ich müsste nur von diesem Turm hinunter steigen und los marschieren.
Die Reise wäre nicht besonders gefährlich, bin ich doch in der Nacht nahezu jedem möglichen Feind überlegen und am Tage allem Anschein nach eine Statue.
Kein Tier greift eine Statue an und vernunftbegabte Wesen reisen nicht durch den Norden, erst recht nicht über die Grenze hinweg.
Kein Mensch hier weiß, warum diese Grenze gerade bei den Hügeln liegt. Ich schon. Zumindest kann ich es mir denken.

Obwohl ich ziemlich sicher von den Göttern in diese Welt gesetzt wurde, ist das Gebirge doch nicht ausschließlich ihr Reich. Dort gibt es noch andere Mächte.
Uralt und sicher, wenn man ihr genug Zeit gibt, imposant genug, um selbst die Gefilde der Unsterblichen in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Wovon ich rede? Zwerge.
In dem Gebirge finden sich Zwergenkönigreiche, welche schon vom Anbeginn der Zeit her zu existieren scheinen. Sie haben sich dort festgesetzt, uneinnehmbar, reich bis über alle Maßen. Sie haben nur eine Schwäche: Ihre Streben nach mehr.

Ich war einer der ersten meiner Art, soweit ich das sagen kann, zumindest fand ich als erster zu einer ihrer gigantischen Festungen. Es gibt keine Worte in der Sprache der Menschen, um ihre Dimensionen angemessen auszudrücken. Sie erstrecken allein überirdisch jeweils tausende von Kilometern weit in jede Richtung und unter der Erde hat man das Gefühl bekommen können, sie hätten die ganze Welt ausgehöhlt.
Und es gab mehrere dieser Festungen. Ich habe nie eine andere als Hrekheim gesehen, aber in den vielen Jahren, die ich dort war, lauschte ich genügend Erzählungen des bärtigen Volkes, um das zu erfahren.
Diese Zwerge lebten in einer Art Frieden miteinander. Alle hatten genug von all dem, was sie brauchten. Genug Pilze, Fisch und andere merkwürdige Wesen auf den finsteren Tiefen, um sich zu ernähren, genug Erz, um ihren Wohlstand noch weiter zu vergrößern und genug Platz, um diesen zur Schau zu stellen. Wen auch immer sie damit begeistern wollen.
Ich war stellte den Anfang vom Ende dieses Gleichgewichtes dar.
Wie man sich denken kann, gibt es im Vergleich zu anderen Wesen nicht viele Gargoylen auf dieser Welt und aus irgendeinem Grund sammelte sich eine beachtliche Anzahl von uns in dieser einen Stadt. Ich weiß nicht, warum es so gekommen ist, ich weiß nur, dass die anderen Orte davon weit weniger stark betroffen wurden. All die Jahre des Überlegens haben mich nur auf einen Schluss kommen lassen…aber dazu später vielleicht mehr…

Wir fanden also zueinander. Erst nach einer langen Zeit – ich habe keine Ahnung mehr, wie viele der dortigen Sonnenumläufe ich vor dem Finden des kleinen Volkes durch die Berge gewandert war, ohne ein festes Ziel zu besitzen – sah ich, dass ich nicht einzigartig war. Sicher, jeder Gargoyle sah anders aus, einige konnten im Gegensatz zu mir sogar die Luft ihr Heim nennen, aber letztlich waren wir doch durch unsere Ferne zum Sonnenlicht alle verbunden. Und durch etwas anderes. Es scheint ein innerer Drang in uns zu sein, aber wir fühlten uns schon immer dazu verpflichtet, etwas zu schützen. Wir hatten keine Vorstellung davon, was dieses Etwas sein soll, doch als wir nun diese Zwerge vor uns sahen, da sagten wir uns: Ihre Wächter sind wir. Und so nahmen wir auf den Mauern der Festung Hrekheim Platz.

Es ist bittere Ironie, dass gerade das ihr Untergang sein sollte. Die anderen Königreiche erfuhren von dieser Verstärkung, die ihre einstmaligen Brüder erfahren haben und so kam das auf, was immer aufkommt, wenn ein altes Gleichgewicht kippt: Angst.
Man sammelt sich also gegen diesen Störfaktor, vergaß den Argwohn untereinander eine Zeit lang und ließ eine Periode unglaublichen Schreckens beginnen. Einen Krieg, wie ihn die Welt vielleicht nicht oft zuvor gesehen hat.
Zwerge sind erfinderisch, das weiß wohl jeder, egal wo er wohnt, solange er auch nur von diesem Volk gehört hat und wir erfuhren nun den ganzen Einfallsreichtum in all seinen grausamen Facetten.
Ich bin mir nicht ganz darüber im Klaren, was eigentlich das Ziel des Krieges war.
Eine Art…Umverteilung meines Volkes? Oder einfach nur die Auslöschung der Bedrohung?
Es spielt keine Rolle…
Wir waren Wächter…wir wachten.
Jahrelang…immer wieder gab es für uns Pausen und immer wieder wandelten wir stundenlang vernichtend zwischen den Reihen unserer Feinde, um letztendlich Scharen von ihnen in den Tod zu senden, ein paar von uns fielen in den Kämpfen. Es machte keinen Unterschied.
An einem der Tage geschah es wohl…ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist, aber als ich erwachte, brannte die Stadt um mich. Sie war verloren und es gab nichts mehr, was ich hätte tun können. Also rannte ich. Niemand schien mir zu folgen.

Ich denke, es war ein Streich der Götter…sie nutzten die Angst der Sterblichen voreinander.
Sie machten ihnen Angst, indem sie ein paar von ihnen schützten.
Vielleicht taten sie aus der Befürchtung heraus, die Zwerge könnten sich eines Tages zusammen tun und gegen sie erheben.
Und vielleicht ist mein Überleben nur ein Versehen. Vielleicht hätte das gesamte Volk der Wächter sterben sollen.

Ich akzeptiere einfach, was ich bin.
Ein lichtes Wesen, umschlossen von Dunkelheit.
Ein Gargoyle.
Vielleicht der letzte meiner Art. Noch hoffe ich, dass es nicht so sein möge…noch warte ich…

Geändert von Gerendiell (11.05.2008 um 15:02 Uhr).
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Alt 06.04.2008, 17:16   #2 (Permalink)
Heraldiker
 
Benutzerbild von ElfangorBirkenpfeil
 
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Die Geschichte gefällt mir.
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Alt 07.04.2008, 10:14   #3 (Permalink)
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Benutzerbild von Phaitan
 
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Wirklich gut geschrieben.
__________________
Phaitan ist offline  
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Alt 08.04.2008, 07:44   #4 (Permalink)
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Benutzerbild von Gnubbelchen
 
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Beiträge: 334
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Das läßt mich irgendwie traurig werden .....*seufz*.........hast du schön geschrieben ,Geri.
__________________
Drei.......Fünf Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu ertragen .......die Hoffnung ,der Schlaf, das Lachen .......Raphael und Phai



Gnubbelchen ist offline  
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Alt 11.05.2008, 14:55   #5 (Permalink)
Benutzer
 
Benutzerbild von Belia
 
Registriert seit: 2. January 2008
Ort: Höhle des Alptraums
Alter: 23
Beiträge: 53
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.
So viel Atmosphäre in so einer kurzen Geschichte ...
sehr ergreifend, danke dafür
.
Gruß,
Belia
.
__________________
Dämonin Belia und Sharisad Nazira


Achtung, neue Homepage!
Einfach den Kobold klicken
Belia ist offline  
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Alt 16.11.2008, 18:18   #6 (Permalink)
Benutzer
 
Benutzerbild von Coraya
 
Registriert seit: 2. April 2007
Ort: bei Hannover
Beiträge: 31
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Die Geschichte hat was. gefällt mir. Vor allem, weil der Anfang noch nicht im Entferntesten erahnen lässt worum es eig geht und daher ein gewisser Überraschungseffekt da ist. Sehr schön geschrieben.
__________________
... macht nun als Mari(i)etta die Wyrmlande unsicher.
Coraya ist offline  
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